Gemacht für den lokalen BestandDie Enge war im 19. Jahrhundert das Quartier der Zürcher Industriellen und Bankiers, und der Bestand ist geblieben: Um den Rieterpark stehen die Villen Wesendonck und Rieter, heute Museum Rietberg, und in den Strassen dahinter Herrschaftshäuser, die längst in drei oder vier Eigentumswohnungen aufgeteilt sind, mit Parkett, Stuckdecken, Cheminée und Gärten, die sich die Nachbarn teilen. Am Hang zwischen Bederstrasse, Gablerstrasse und Alfred-Escher-Strasse prägen Jugendstil- und Gründerzeit-Mehrfamilienhäuser das Bild, mit Erkern zum See, gerundeten Treppenhäusern und Zimmern, die hoch, aber schmal geschnitten sind. Um den Bahnhof Enge und den Tessinerplatz kommen die sachlichen Bauten der 1920er- und 1930er-Jahre dazu, am Mythenquai und an der Seestrasse Neubau und Attikawohnungen mit Terrassen zum Wasser, neben den Hauptsitzen der Versicherungen. Auf dem Foto hat dieser Bestand zwei Schwächen: Die grossen Räume der Villenetagen wirken leer wie ein Sitzungszimmer, und die schmalen Jugendstil-Zimmer wirken voll wie ein Möbellager, sobald ein Sofa darin steht. Dazu kommen Wohnungen, die nach vierzig Jahren aus einer Hand verkauft werden, mit dunklem Nussbaum, Spannteppich und Vorhängen, die das Inserat vor der zweiten Aufnahme datieren. Digital entrümpelt bekommt das Cheminée seinen Auftritt zurück, dann richtet das Staging die Etage massstäblich ein: zoniert im Salon, damit dreissig Quadratmeter Wohnzimmer und Essplatz zugleich sind, schlank und hoch in den Jugendstil-Zimmern, ruhig am Mythenquai. Böden, Stuck, Fenster und Perspektive bleiben exakt an ihrem Platz.
Warum es in der Enge funktioniertDie Enge ist die bürgerliche Adresse Zürichs: Bankenkader, Anwälte und Ärztepaare kaufen hier, dazu internationale Käufer, die von Versicherungen und Banken an den Mythenquai oder den Paradeplatz versetzt werden und vom Bahnhof Enge in wenigen Minuten am Hauptbahnhof oder am Flughafen sein wollen. Stockwerkeigentum kommt selten auf den Markt, weil in der Stadt Zürich kaum jeder zehnte Haushalt Eigentum besitzt und die Villenetagen der Enge über Generationen gehalten werden; verkauft wird oft aus einer Erbschaft oder wenn das Haus nach dem Auszug der Kinder zu gross geworden ist. Die Quadratmeterpreise sind deutlich fünfstellig, mit Seeblick am Hang liegen sie auf Seefeld-Niveau, und für eine gute Etage laufen auf Homegate Bieterrunden, bevor das Inserat eine Woche alt ist. Umso stärker wiegt die erste Bildstrecke: Wer aus Frankfurt, London oder New York vergleicht, sieht die Wohnung vor der Unterschrift vielleicht ein einziges Mal, und die Entscheidung für die Besichtigung fällt am Bildschirm. Ein leerer Salon mit Stuck zeigt nicht, ob er für die Familie oder für den Empfang gedacht ist; eingerichtet zeigt er beides, und der Blick über den See vom Esstisch aus begründet den Preis besser als jede Zeile im Exposé. Die Präsentationsseite pro Objekt, Original neben eingerichteter Fassung, geht per Link an den Käufer im Ausland und an die Miterben, die den Verkauf freigeben müssen.
Stile, die sich in der Enge verkaufenLuxus mit dunklem Holz und Messing gibt den Jugendstil-Etagen an der Bederstrasse das Niveau, das der Preis verlangt; Skandinavisch mit warmen Weisstönen hält die Villenzimmer am Rieterpark hell, und Minimalistisch lässt am Mythenquai den See sprechen.